Der Raum riecht nach einer traurigen Symbiose aus angebranntem Kaffeesatz, scharfem Industriereiniger und dem feuchten Atem einer Reisegruppe, die zu lange im Regen gestanden hat. Neongrelles Licht fällt auf rustikal gemeinte, aber offensichtlich aus Plastik gegossene Edelweissgirlanden und melaminbeschichtete Tische mit eingebrannten Wasserrändern. Ein riesiges Wandbild, das das Eigernordwand-Mass*** zeigt, wird von einem hemmungslos tropfenden Kühlaggregat im Eck konterkariert. Der nahe Wunschbrunnen plätschert hypnotisch, aber leider direkt in einen Eimer, dessen Überlaufschutz längst versagt hat.
Die «Urchige Rösti» kommt als formloser Klumpen an den Tisch, der aussen eine undefinierbare, speckige Kruste und innen eine mehlig-graue, ungewürzte Masse verbirgt. Ein zähes Stück Schinken, das mehr nach Lake und Reissverschluss als nach Schwein schmeckt, liegt als traurige Dekoration obendrauf. Darüber zieht sich eine glibberige Champignonsauce, die mit so viel Wasser verdünnt wurde, dass sie nicht den Hauch von Pilz, sondern nur noch warmen, bindemittelhaltigen Nebel auf der Zunge hinterlässt. Jeder Versuch, die Gabel hineinzustechen, endet mit einem schmatzenden Geräusch, das die Tischnachbarn verstummen lässt.
Als süsse Versöhnung gedacht, folgt ein Stück Schwarzwälder Torte, das unverkennbar aus der Tiefkühltruhe stammt und noch eine weisse Frostschicht an der Unterseite aufweist. Die Synthetiksahne hat die Konsistenz von Rasierschaum und der Kirschgeschmack erinnert fatal an Hustensaft aus der Jugendherberge. Der Kellner, im unerklärlichen Eiltempo, knallt neben die Torte eine Espressotasse, deren Inhalt so schwarz und verbrannt ist, dass er den Abend symbolisch zusammenfasst. Für diesen Ausblick und diesen Teller zahlt man in Interlaken einen horrenden Preis – eine wahrhaft atemberaubende Schweizer Bergskandalität.